Meine Utopie

„Denken heißt Überschreiten.“

Ernst Bloch

Alles, was ich in philosophischer Hinsicht tue, tue ich eigentlich nur aus einem einzigen Grund: Ich möchte Leid vermeiden. Als Hochsensible lebe ich in einer Welt, in der es sehr viel Leid gibt. Und ich meine nicht nur das klar sichtbare Leid hungernder oder kriegsgebeutelter Menschen in Entwicklungsländern. Ich meine auch das Leid des verwahrlosten Alkoholikers, der sich jeden Tag vor dem Supermarkt betrinkt, das Leid des übergewichtigen Jungen, der in der Schule wegen seiner Unbeholfenheit verspottet und ausgegrenzt wird und das Leid der gut funktionierenden Mittelschichts-Mutter, die nach außen hin ein Bilderbuchleben führt, aber hinter verschlossenen Türen regelmäßig von ihrem Mann verprügelt wird. Viele von uns sehen dieses Leid nicht, wollen es nicht sehen, oder fühlen sich nicht zuständig. Wäre ich nicht hochsensibel und hätte mir das Leben nicht so viele schmerzhafte Lektionen erteilt – wer weiß, vielleicht wäre es mir auch egal. Aber es ist mir nicht egal.

Ich kann, ich will nicht einfach so tun, als würde mich das alles nichts angehen. Natürlich bin ich für das Leben, die Entscheidungen und die Gefühle anderer Menschen nicht verantwortlich. Jeder (erwachsene) Mensch ist für sich selbst verantwortlich. Jeder Mensch muss selbst dafür sorgen, dass es ihm gut geht. Und jeder Mensch hat das Recht, sich direkt oder indirekt selbst zu schaden. Das muss ich akzeptieren und das tue ich auch. Aber ich kann nicht ignorieren, dass ich Teil eines gesellschaftlichen Systems bin, das an vielen Stellen individuelles Leid ermöglicht und begünstigt. Oft sind es gesellschaftlich verbreitete Werte, Erwartungen, Vorstellungen, Konventionen und Regeln, die Menschen in Not bringen. Der Alkoholiker hätte vielleicht nie mit dem Trinken angefangen, wenn man ihm eine Chance gegeben hätte, seine Fähigkeiten sinnvoll einzubringen. Der übergewichtige Junge würde in der Schule nicht gemobbt werden, wenn seine Mitschüler gelernt hätten, jeden Menschen so zu akzeptieren wie er ist. Und die Mittelschichts-Mutter hätte ihren prügelnden Mann vielleicht schon längst verlassen, wenn niemand in ihrem sozialen Umfeld erwarten würde, dass sie den schönen Schein wahrt.

Klar, wir können uns inneren und äußeren Ansprüchen widersetzen. Wir können die überzogenen Selbsterwartungen, die wir von unseren Eltern und unserem sozialen Umfeld übernommen haben, abstreifen. Wir können Werte infrage stellen, Konventionen missachten und Regeln brechen, um uns davor zu schützen, von ihnen zerfressen zu werden. Aber das erfordert Mut und  Kraft, und manchmal zahlt man einen hohen Preis für seinen Widerstand. Im Arbeitsleben beispielsweise werden viele Bedingungen vorgegeben, denen wir uns nur widersetzen können, indem wir den Arbeitsplatz oder den Beruf wechseln oder gleich ganz aus der regulären Arbeitswelt aussteigen. Im Sozialleben bezahlen wir  unseren Widerstand mit Konflikten, Abwertungen oder sogar Beziehungsabbrüchen. Letztlich muss jeder für sich entscheiden, was ihm die eigene Integrität wert ist. Aber es wäre in jedem Fall besser, wenn man uns überhaupt gar nicht erst vor die Wahl stellen würde. Genau darum geht es in meiner Utopie.

Was für eine Welt strebe ich an?

Meine Utopie ist nicht besonders ausgefeilt oder anspruchsvoll. Sie ist auch nicht in erster Linie politisch. Im Grunde genommen möchte ich nur eine Gesellschaft verwirklichen, in der der Preis für die Erhaltung der eigenen Integrität nicht so hoch ist wie es heute der Fall ist. Ich strebe eine durch und durch freiheitliche Gesellschaft an, die von Respekt, Toleranz und Akzeptanz geprägt ist und in der jeder Mensch als eigenständiges, eigenverantwortlich handelndes  Individuum mit gleichen Rechten und gleichem Wert betrachtet wird. Das ist ein Ziel, das wir in Europa schon länger anstreben. Aber wir haben es noch nicht verwirklicht. Wir sind heute äußerlich freier, aber von „echter“, umfassender Individualität, Freiheit und Gleichheit sind wir noch ein ganzes Stück entfernt. Ich möchte eigentlich nur, dass wir den eingeschlagenen Weg weitergehen, in aller Konsequenz und mit aller Radikalität, nicht nur äußerlich, sondern auch innerlich.

Im Besonderen setze ich mich für folgende Dinge ein:

  • Die Erprobung und stufenweise Einführung einer bedingungslosen Grundsicherung/eines bedingungslosen Grundeinkommens, das jeden von uns finanziell so absichert, dass er seine Grundbedürfnisse befriedigen kann und gleichzeitig die Möglichkeit hat, das zu tun, was er tun möchte. Meine Grundannahme: Jeder Mensch hat ein Interesse daran, sich produktiv in die Gemeinschaft einzubringen. Wenn jeder von uns die Freiheit hat, das nach eigenem Ermessen und gemäß seiner Fähigkeiten und Interessen zu tun, werden wir alle davon profitieren.
  • Eine radikale Umgestaltung des Bildungssystems hin zu einem Bildungssystem, das Kinder und Jugendliche als freie, selbstbestimmte und lernwillige Individuen betrachtet und ihnen ermöglicht, sich zu eigenständig denkenden und eigenverantwortlich handelnden Erwachsenen zu entwickeln. Dazu gehört eine größere Vielfalt von Schulformen und Lerninhalten, praxisnaher und praktischer Unterricht, das Aufweichen der Schulpflicht, die Abschaffung von Leistungsbewertungen und natürlich die massive Aufstockung von Lehrkräften, Sozialarbeitern und Psychologen, damit jedes Kind mit seinen Bedürfnissen, Stärken und Schwächen wahrgenommen und berücksichtigt werden kann. Das Ziel eines zeitgemäßen Bildungssystems sollte nicht sein, Kinder in eine vorgefertigte Form zu pressen, sondern ihrer Neugier und ihrem Wissensdurst Rechnung zu tragen und ihre natürliche Entwicklung unterstützend zu begleiten.
  • Die Rückkehr zur kleinteiligen biologischen Landwirtschaft, die Wert auf Vielfalt und Qualität der produzierten Lebensmittel legt, nachhaltig wirtschaftet und sich insgesamt wieder als Teil der natürlichen Umwelt versteht. Das heißt: Re-Etablierung kleiner Betriebe mit geschlossenen Stoffkreisläufen, ein möglichst geringer Einsatz von Pflanzenschutzmitteln, vielfältiger Feldfruchtanbau, artgerechte Tierhaltung, schonende Schlachtformen (wie Weideschlachtung) und die Aufwertung der Jagd als Fleischlieferant. Ich glaube, es ist wichtig, dass wir wieder in einen guten, engen Kontakt mit der Natur kommen, um unsere Wurzeln wiederzufinden.

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