Meine Utopie

„I know that nothing is impossible for pure love.“

M. K. Gandhi

Alles, was ich in philosophischer Hinsicht tue, tue ich nur aus einem einzigen Grund: Ich möchte Leid vermeiden. Als Hochsensible sehe und spüre ich das geballte Leid auf der Welt sehr intensiv, und egal wie gut ich mich davon abgrenze – komplett abschalten kann ich meine Wahrnehmung nicht. Seit ich 2007 mit Chopich und Pauls Konzept in Kontakt gekommen bin, sehe ich überall um mich herum gnadenlose innere Erwachsene und verletzte innere Kinder, die in ihrer Verzweiflung und Wut sich selbst, andere Menschen und die Erde zerstören. Wenn man die Welt einmal so gesehen hat, kann man das nie wieder vergessen. 

Auf der kollektiven Ebene zeigt sich: Wir haben in unserer Gesellschaft zwar viele hohe und erstrebenswerte Ideale, aber kaum eins davon wird wirklich umfassend gelebt. Wir wollen Freiheit, aber nur wenige Menschen sind in ihrem Denken, Fühlen und Handeln wirklich frei. Wir wollen Gleichheit, aber nur wenige Menschen können andere Menschen wirklich als gleichwertig ansehen und so behandeln. Wir wollen Solidarität, aber gelebt wird eher ein exzessiver Narzissmus, der ausgrenzt und zerstört. Kein Mensch ist im Kern böse. Aber nicht wenige Menschen sind innerlich derart beschädigt, dass es ihnen nahezu unmöglich zu sein scheint, sich konstruktiv in der Welt zu bewegen.

Das hat die gesamte Menschheit mittlerweile an den Rand einer Katastrophe gebracht. Durch den selbst verursachten Klimawandel sind unsere Lebensgrundlagen auf diesem Planeten in ernster Gefahr, und ich habe mehr und mehr Zweifel, ob wir es noch schaffen werden, ein Massenaussterben des Menschen zu verhindern. Ich hoffe, dass wir das Ruder noch herumreißen können, aber ich bin auch darauf eingestellt, dass der globale Zusammenbruch der Zivilisation noch zu meinen Lebzeiten stattfinden könnte. Nichtsdestotrotz habe ich eine Utopie, für den Fall, dass wir die Klimakatastrophe noch abwenden können, und für den Fall, dass am Ende des Jahrhunderts nur noch einige Hunderttausend Menschen übrig sind, die in den wenigen noch bewohnbaren Teilen der Welt neue Gesellschaften gründen und gestalten. Ganz verschwinden wird unsere Spezies wohl (vorerst) nicht, aber wir müssen uns so oder so ändern, um in Zukunft bestehen zu können.

Wie könnte die Gesellschaft der Zukunft aussehen?

In meiner Idealvorstellung sehe ich eine Gesellschaft, die auf fairer Kooperation und gegenseitiger Fürsorge statt auf narzisstischem Konkurrenzdenken und rücksichtsloser Bereicherung beruht. Eine Gesellschaft, in der jedes Kind in einem liebevollen Umfeld aufwächst, in dem es geachtet und geschätzt wird und sich zu einem selbstbewussten, selbstbestimmten Erwachsenen entwickeln kann. Eine Gesellschaft, in der jeder die gleichen Chancen und Möglichkeiten hat, um sich selbst zu verwirklichen. Eine Gesellschaft, die von zufriedenen, ausgeglichenen Menschen gestaltet wird. Eine Gesellschaft, in der maßvoll konsumiert, sinnvoll gearbeitet und nachhaltig gewirtschaftet wird. Eine Gesellschaft, in der sich die Menschen freundlich, ehrlich und offen begegnen. Eine Gesellschaft, in der jeder einen Platz findet, ohne sich dafür verstellen oder verleugnen zu müssen.*

Meine Vorstellung einer idealen Gesellschaft ist von der Realität, in der wir heute leben, noch weit weg. Aber wir brauchen einen echten Gegenentwurf zu dem, was heute ist, um uns am Ende nicht doch komplett selbst auszulöschen. Und ich habe mich nicht grundlos in der Psychologie eingerichtet – ich weiß aus Erfahrung, wie vergleichsweise wenig uns psychisch definitiv vorgegeben ist und welche Spielräume wir haben, um unser Fühlen, Denken und Handeln nachhaltig zu verändern. Im Hier und Jetzt befinden sich die meisten von uns auf die eine oder andere Weise im Krieg mit sich selbst, weil das eben das ist, was wir als Kinder von den Erwachsenen gelernt haben. Wenn wir aber kollektiv wieder lernen würden, einen friedlichen und respektvollen Umgang mit uns selbst zu pflegen, könnte das die Gesellschaft auf eine Art und Weise verändern, die sich die meisten Menschen wohl nicht einmal vorstellen können.

Tiefere, psychosoziale Veränderungen kann man nicht erzwingen, aber man kann sie fördern. Abgesehen von der dringend notwendigen, zügigen Umstellung all unserer Systeme auf Klimaneutralität (um überhaupt noch eine Lebensgrundlage auf diesem Planeten zu haben) könnten folgende Maßnahmen den Weg in einer bessere, gerechtere und friedlichere Gesellschaft ebnen:

  • Eine fundamentale Umgestaltung des Bildungssystems hin zu einem System, das Kinder und Jugendliche als freie und selbstbestimmte Individuen betrachtet und ihnen ermöglicht, sich zu eigenständig denkenden und eigenverantwortlich handelnden Erwachsenen zu entwickeln. Dazu gehört eine größere Vielfalt von Schulformen und Lerninhalten, mehr praxisnaher und praktischer Unterricht, die Abschaffung von Leistungsbewertungen und natürlich die massive Aufstockung von Lehrkräften, Sozialarbeitern und Psychologen, damit jedes Kind mit seinen Bedürfnissen, Stärken und Schwächen individuell wahrgenommen und berücksichtigt werden kann. Die Schule als gesellschaftliche Institution sollte zumindest ein Stück weit ausgleichen können, was Eltern vielleicht nicht (alleine) schaffen.
  • Die Erprobung und stufenweise Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens, das jeden von uns finanziell so absichert, dass er seine Grundbedürfnisse befriedigen kann und gleichzeitig die Möglichkeit hat, das zu tun, was er tun möchte. Ich bin davon überzeugt, dass jeder Mensch ein wesenseigenes Interesse daran hat, sich produktiv in die Gemeinschaft einzubringen und dass wir alle davon profitieren werden, wenn jeder von uns die Freiheit hat, das nach eigenem Ermessen und gemäß seiner Fähigkeiten und Interessen zu tun.
  • Eine Reform des Strafvollzugssystems mit dem Ziel einer intensiven und individuellen Betreuung von Straftätern, damit echte (Re-)Sozialisierung und nicht nur eine zeitweilige Verwahrung stattfindet. Ich bin für die komplette Abschaffung von Gefängnissen und die Einführung eines Vollzugssystems, das nur wirklich gefährliche Menschen aus der Gesellschaft absondert und bei allen anderen auf gezielte Wiedergutmachung ihrer Taten durch (soziale) Arbeit sowie eine engmaschige soziale und psychologische Begleitung setzt. Unser jetziges Vollzugssystem sorgt weder für Gerechtigkeit noch verhindert es, dass Täter wieder rückfällig werden. Ein zukünftiges Vollzugssystem sollte die Motive und Umstände von Straftaten viel stärker in den Fokus rücken, die Beratungen und Entscheidungen über Schuld und Strafe offener und demokratischer gestalten, den Opfern von Straftaten mehr Einflussmöglichkeiten geben und Täter so bestrafen, dass sich bei ihnen auch tatsächlich etwas ändert. Dabei sollte zukünftig viel mehr berücksichtigt werden, dass die allermeisten Straftäter aus einer inneren oder äußeren Not heraus handeln und dass man erneute Straftaten nur dann effizient verhindern kann, wenn dieser Not zielgerichtet begegnet wird.

*Wie ich mir das Leben in einer idealen Gesellschaft konkret vorstelle, beschreibe ich im Nachwort von „Die Rebellion der inneren Kinder“.

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