Die Theorie der inneren Beziehung

„Eure Vernunft und eure Leidenschaft sind das Ruder und die Segel eures Seelen-Schiffes.

Büßt ihr Segel oder Ruder ein, werdet ihr zu einem Spielball des Windes, oder aber ihr schaukelt antriebslos auf den Wellen.

Denn die Vernunft ist, herrscht sie allein, eine hemmende Kraft; und die Leidenschaft ist, unbeaufsichtigt, eine Flamme, die an sich selbst verbrennt.“

Khalil Gibran

Die Theorie der inneren Beziehung ist mein Hauptwerkzeug, um Menschen und ihr Handeln zu analysieren. Sie baut auf dem Grundmodell der US-amerikanischen Psychologinnen Erika J. Chopich und Margaret Paul auf, das die menschliche Psyche in zwei Teile teilt: das empfindende innere Kind und den denkenden inneren Erwachsenen. Beide Teile stehen in enger Wechselwirkung und prägen unser alltägliches Erleben. Der Umgang des inneren Erwachsenen mit dem inneren Kind ist entscheidend dafür, wie wir uns fühlen, wie wir anderen Menschen begegnen und wie wir unser Leben gestalten.

Ich bin 2008 mit diesem Konzept in Kontakt gekommen, als ich nach etwas gesucht habe, mit dem ich meine Angststörung therapieren kann. Das Bild vom inneren Kind und inneren Erwachsenen setzte sich in meinem Kopf fest. Im Laufe der folgenden Jahre entwickelten sich meine Vorstellungen vom inneren Kind und inneren Erwachsenen sowie deren Beziehung fortlaufend weiter, ohne dass ich mir dessen bewusst war. Als ich 2013 aus einer Laune heraus anfing, „Die Rebellion der inneren Kinder“ zu schreiben, war ich gefordert, meine Weltsicht zu erklären. In dem Zusammenhang habe ich das Konzept umfassend theoretisch ausgearbeitet. Am Ende stand die Theorie der inneren Beziehung.

Was besagt die Theorie der inneren Beziehung?

Zuallererst wird die Psyche, wie gesagt, theoretisch geteilt: Es gibt das innere Kind und den inneren Erwachsenen. Das innere Kind ist der biologisch vorprogrammierte Teil unserer Psyche. Der Begriff des inneren Kindes umfasst alle Mechanismen, die die Evolution uns mitgegeben hat und die wir bis an unser Lebensende behalten. Dazu zählen körperliche Bedürfnisse und Meldungen über den körperlichen Zustand (Hunger, Kältegefühl, Anspannung etc.), Motive (Macht-, Leistungs- und Anschlussmotiv) und Gefühle (Freude, Wut, Angst etc.). Das innere Kind bildet das unverzichtbare und unveränderbare Fundament unserer Psyche.

Der innere Erwachsene ist die zusammenfassende Bezeichnung aller höheren kognitiven Funktionen, also hauptsächlich das, was wir gemeinhin „Verstand“ nennen. Zum inneren Erwachsenen gehören alle Teilbereiche der rationalen Intelligenz (wie Logik und Urteilsvermögen) sowie sämtliche Selbstregulierungsfähigkeiten. Der innere Erwachsene steuert das innere Kind. Er entscheidet darüber, wie wir mit unseren Empfindungen im Inneren umgehen und welche Antriebe wir wie in Handeln umsetzen. Die Fähigkeiten des inneren Erwachsenen sind angeboren, seine Inhalte durch Erfahrung angeeignet oder spontan erarbeitet.

Das Zusammenspiel von innerem Kind und innerem Erwachsenen ist die innere Beziehung. Sie verläuft in zwei Richtungen: Das innere Kind liefert dem inneren Erwachsenen Informationen über sein Befinden, seine Antriebe und seine Bedürfnisse, die der innere Erwachsene verarbeitet und in Handeln umsetzt. Umgekehrt beeinflusst und steuert der innere Erwachsene das innere Kind, indem er (z. B. durch Interpretationen der Außenwelt) bestimmte Gefühle und Motive erzeugt oder verstärkt, andere hingegen verdrängt oder abmildert.

Es ist möglich, die innere Beziehung (zumindest Teile davon) im Inneren nachzuvollziehen.  Auf der Ebene des Bewusstseins bildet sie sich als innerer Dialog ab: Wir spüren das innere Kind als Empfindung und „hören“ den inneren Erwachsenen als Gedanken. Der innere Dialog ermöglicht uns den Zugang zu unserer inneren Beziehung und eröffnet uns die Möglichkeit, gezielt Einfluss zu nehmen. Die meisten inneren Prozesse laufen automatisiert und unbewusst ab. Wir können aber auch bewusst darauf einwirken und unsere innere Beziehung aktiv gestalten.

Es ist aber nicht nur möglich, sich die eigene innere Beziehung zu erschließen, sondern wir können auch die inneren Beziehungen anderer Menschen nachvollziehen. Um von außen Zugang zur inneren Beziehung zu bekommen, müssen wir mit Menschen kommunizieren oder ihre Kommunikation beobachten. Ich unterscheide zwei Kommunikationsebenen: Die nonverbale Kind-Ebene und die verbale Erwachsenen-Ebene. Diese beiden Ebenen existieren parallel zueinander, d. h. innere Kinder kommunizieren mit inneren Kindern und innere Erwachsene mit inneren Erwachsenen. Überkreuzt zu kommunizieren ist sehr schwierig, weil innere Erwachsene und innere Kinder verschiedene Sprachen sprechen. Sie können nur im Menschen gut miteinander kommunizieren.

Auf der Kind-Ebene tauschen sich die inneren Kinder über ihre Gefühle, Motive und Bedürfnisse aus. Das tun sie weitgehend automatisiert und unkontrolliert. Schlüsselfähigkeit, um an Informationen von der Kind-Ebene zu kommen, ist die Empathie, oder wie ich sie nenne, fühlende Wahrnehmung: Wir spüren, was ein Mensch empfindet und was ihn antreibt. Wenn man bewusst auf dieser Ebene kommunizieren will, braucht man eine gute Verbindung zum eigenen inneren Kind. Das dürfte sich erschließen: Wer sich selbst nicht spürt, kann auch nicht nachempfinden, was andere Menschen spüren. Vorteil der Kind-Ebene: Innere Kinder lügen nicht und sie lassen sich auch nicht vorschreiben, was sie nach außen hin preisgeben, sodass man Menschen über die Kind-Ebene ziemlich ungefiltert in die Seele schauen kann.

 

Auf der Erwachsenen-Ebene kommunizieren die inneren Erwachsenen miteinander: Wir sprechen miteinander und tauschen unsere Gedanken aus. Auf dieser Ebene können wir alles bewusst steuern, allein schon dadurch, dass wir einfach nichts sagen. Wenn wir nichts sagen, findet auf dieser Ebene – anders als auf der Kind-Ebene – auch kein Austausch statt. Herausforderung auf der Erwachsenen-Ebene: Was innere Erwachsene sagen, muss nicht unbedingt der Wahrheit entsprechen. Deswegen ist diese Ebene, auch wenn sie für die meisten Menschen die „Hauptebene“ ist, nicht zuverlässig, wenn man in Erfahrung bringen will, was in Menschen vorgeht. Sie liefert aber einige Anhaltspunkte für das Verständnis des inneren Erwachsenen eines Menschen. 

Menü schließen