Eigenverantwortung

Je länger ich mich mit der Gesellschaft und ihren Dynamiken beschäftige, desto klarer wird mir, dass es eigentlich nur zwei große Themenkomplexe gibt, auf die sich fast alle Probleme unserer westlichen Gesellschaften psychologisch zurückführen ließen. Der eine Komplex ist der Narzissmus, also das überdehnte Bedürfnis nach Aufmerksamkeit und Bestätigung. Der andere Komplex ist die fehlende Eigenverantwortung, also die Weigerung, Verantwortung für sich und das eigene Handeln zu übernehmen.

Narzissmus ist ein spannender, komplexer und extrem vielfältiger Themenkomplex, dem man gar nicht genug Aufmerksamkeit schenken kann. (Zu ihm gehört auch der Selbstwert, über den ich früher schon geschrieben habe.) Ich will mich jetzt aber dem kleineren Themenkomplex, der Eigenverantwortung, widmen, weil dieser wesentlich weniger Beachtung erfährt, aber genauso wichtig ist.

Die vollständige Übernahme von Eigenverantwortung ist einer der wichtigsten Schritte zum Erwachsen-Werden. Eigenverantwortung ist ein Teil der Reife, die einen Erwachsenen vom Kind unterscheidet. Zu unserer Eigenverantwortung gehört zum einen, die Versorgung unseres inneren Kindes (unserer Gefühle und Bedürfnisse) zu übernehmen, und zum anderen, für das eigene Handeln und Nicht-Handeln gerade zu stehen. Erst wenn ein Mensch beides kann und tut, ist er dem Stadium des „Heranreifenden“ entwachsen.

Es ist etwas deprimierend, dass man, wenn man diese Definition des „Erwachsen-Seins“ anlegt, in unserer Gesellschaft kaum einen Erwachsenen finden wird. Die meisten körperlich erwachsenen Menschen sorgen grundsätzlich für sich selbst, verdienen ihr eigenes Geld und regeln ihre Angelegenheiten alleine, aber wenn es darum geht, Verantwortung für die eigenen Gefühle, Entscheidungen und Handlungen zu übernehmen, sieht es düster aus.

Das erkennt man zum Beispiel daran, dass wir ständig anderen die Schuld für unsere Probleme und die damit verbundenen Gefühle geben. Egal ob wir wütend, enttäuscht, verletzt, überfordert oder was auch immer sind – irgendwer hat das verursacht. Irgendwer beeinträchtigt unsere Laune oder gleich unser ganzes Leben. Den wenigsten Menschen kommt überhaupt in den Sinn, dass ihr (Innen-)Leben in jeder Hinsicht ihre Angelegenheit ist und sie dafür die unbeschränkte Verantwortung tragen.

Ich habe eine Theorie, woher das kommt: Wir lernen Eigenverantwortung einfach nicht. In vielen – nicht nur westlichen – Gesellschaften herrschen Erziehungsstile vor, die Kinder in enge Systeme von Regeln und Grenzen einpacken. Als Kinder müssen wir nichts entscheiden und nichts verantworten, das tun unsere Eltern für uns. Sie sagen uns, was wir zu tun und zu lassen haben. Sie bringen uns nicht bei, Gefühle zu managen, sondern ignorieren, entwerten und verbieten sie. Und in vielen Momenten, in denen wir schmerzhafte, aber wichtige Erfahrungen in Bezug auf die Konsequenzen unseres Verhaltens machen könnten, packen sie uns in Watte.

Wie soll man Eigenverantwortung lernen, wenn man bei jedem Griff in die Süßigkeitenschublade einen auf den Deckel bekommt? Wie, wenn die Mutter schon besorgt warnt, wenn man nur den Versuch unternimmt, auf einen Baum zu klettern? Wie, wenn einem die Eltern nicht vorleben, dass Traurigkeit okay ist und wie man sie bewältigt? Wie, wenn der Vater jedes Mal zum Klassenlehrer rennt, damit dieser eine schlechte Note abmildert, die ein Resultat der eigenen Faulheit ist? Wie bitte soll da Eigenverantwortung entstehen?

Die Antwort ist: Gar nicht. Wenn wir es denn überhaupt schaffen, dem Einflussbereich der Eltern zu entkommen, suchen wir uns einfach andere Menschen, denen wir die Verantwortung für unser Leben aufhalsen können. Einen Partner zum Beispiel. Der ist dann dafür zuständig, dass wir uns nicht unerfüllt oder einsam fühlen, und der soll sich dann darum kümmern, dass alles so läuft wie gewünscht.

Ansonsten drücken wir uns vor der Verantwortung, wo wir nur können. Wir beschweren uns zwar gerne über das Handeln anderer, aber selbst etwas tun ist uns dann doch zu riskant. Da könnte man ja was falsch machen oder anderen nicht gefallen! (Hier kommt der Narzissmus ins Spiel.) Am einfachsten ist es immer noch, zu tun, was andere erwarten oder vorschreiben, denn dann kann man denen die Schuld geben, wenn etwas schief läuft. So müssen wir uns für nichts verantwortlich fühlen.

Auf der gesellschaftlichen Ebene zeigt sich der Mangel an Eigenverantwortung immer dann besonders deutlich, wenn irgendwas so richtig verbockt wurde und die Öffentlichkeit es erfährt. Egal ob ein Umweltskandal oder eine Betrugsaffäre oder gescheiterte Politik im Allgemeinen – es will nie jemand gewesen sein. Es war immer eine andere Partei, eine andere Behörde, ein Kollege oder jemand, der nun wirklich gar nichts damit zu tun hat. Hauptsache, man selbst behält seine weiße Weste.

Das ist erbärmlich, da ist sich die Öffentlichkeit meistens einig, aber große Geschichten fangen im Kleinen an. Jeder, der nicht in der Lage ist, für seine Handlungen und deren Folgen einzustehen, ist um keinen Deut besser. Die meisten haben nur das Glück, nicht in der Öffentlichkeit zu stehen. Sie können sich den Luxus erlauben, mit dem Finger auf andere zu zeigen, weil ihr Handeln nicht im Mittelpunkt des Interesses steht.

Was macht man da? Wir können selbstverständlich niemanden zwingen, Verantwortung für sich zu übernehmen. Aber wir können es für uns selbst tun und uns abgrenzen, damit andere uns nicht ihre Verantwortlichkeiten aufdrängen oder uns – noch schlimmer – zu ihren Ersatzeltern machen. Natürlich ist Eigenverantwortung oft unbequem. Natürlich ist es gemütlicher, Kind zu bleiben und darauf zu hoffen, dass andere einem alles abnehmen. Allerdings nur für uns selbst. Für andere ist es eigentlich nur eins: Ziemlich anstrengend.

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