Das Herzstück des Individualismus: Selbstwert 

Individualismus hat sehr viel mit Selbstwert zu tun. „Echte“ Individualität liegt in der Fähigkeit, selbstständig zu denken und selbstbestimmt zu handeln. Dafür muss man sich von anderen Menschen abgrenzen können, was wiederum einen von anderen Menschen unabhängigen Selbstwert erfordert. Schauen wir uns diesen Selbstwert genauer an: Was kennzeichnet ihn und warum ist er so wichtig für eine individualistische Gesellschaft?

Selbstwert – das ist der Wert, den wir uns selbst zuschreiben. Jeder denkende Mensch bewertet sich, das ist ein zentrales Charakteristikum unserer Spezies. Die Selbstbewertung ist ein fließender, ununterbrochener Prozess, der manchmal bewusst, meistens aber unbewusst stattfindet. Es ist egal, ob wir unsere inneren Bewertungen kennen oder nicht. Sie haben in jedem Fall Einfluss auf unser Handeln und auf eins unserer stärksten Grundgefühle, das Selbstwertgefühl.

In den meisten Gesellschaften, auch der unsrigen, ist der Wert eines Individuums vorwiegend an Taten, Eigenschaften oder Fähigkeiten gebunden. Viele von uns haben verinnerlicht, dass sich ihr Wert darüber definiert, wie attraktiv, leistungsfähig, erfolgreich, klug, anpassungsfähig, interessant sie sind. Wir sind wertvoll, weil wir unser Äußeres ansprechend gestalten, Leistungen erbringen, für andere Menschen da sind, bestimmten Normen folgen, Erfolge, Erlebnisse oder Besitztümer vorzuweisen haben, mit unserer Meinung auf der „richtigen“ Seite stehen.

Schaffen wir es, den äußeren und inneren Ansprüchen an uns gerecht zu werden, dann steigt der Selbstwert und das Selbstwertgefühl. Als fleißiger Arbeiter, aufopferungsvolle Mutter, kluger Geschichtenerzähler, geheimnisvolle Schönheit, gutsituierter Sportwagen-Fahrer oder linksalternative Umweltschützerin fühlen wir uns gut, richtig, bedeutsam. Haben wir viel Geld, Wissen oder Macht, sind besonders diszipliniert oder moralisch, haben die Welt gesehen oder helfen dabei, sie zu retten, kann das Selbstwertgefühl ungeahnte Höhen erreichen.

Werden wir den Ansprüchen jedoch nicht gerecht, dann leidet der Selbstwert. Sind wir arbeitslos, scheitern mit unserem Traum einer heilen Familie, bekommen nichts auf die Reihe oder rutschen an den Rand der Gesellschaft, dann fühlen wir uns minderwertig, unfähig, fehlerhaft. Und weil Selbstansprüche oftmals völlig überzogen sind, verbringen selbst die äußerlich gut aufgestellten Menschen einen nicht unerheblichen Teil ihres Lebens mit dem unangenehmen Gefühl, anderen Menschen in irgendeiner Art und Weise unterlegen zu sein.

Wenn der Selbstwert an die Wertschätzung anderer Menschen (den Fremdwert) gebunden ist, wird das Individuum zum Spielball seines Umfelds. Wir machen möglichst das, was (bestimmte) andere Menschen erwarten. Wir passen uns an, anstatt auf den eigenen inneren Kompass zu hören und unser Leben nach eigenen Bedürfnissen zu gestalten. Das Ergebnis ist Kollektivismus: Die Gesellschaft wird zu einer Masse von sich minderwertig fühlenden Menschen, die sich hauptsächlich aneinander ausrichten, um ihren Selbstwert einigermaßen stabil zu halten.

Das ist nicht sehr sinnvoll und kann sogar richtig hässliche Formen annehmen. Autoritäre Regime und Diktaturen mit menschenverachtenden Massenideologien beruhen grundsätzlich auf kollektivistischen Gesellschaften. Die Einzelnen folgen ihren „Führern“ und der Mehrheit, weil sie deren Weltsicht über die eigene stellen und sich nicht gegen das auflehnen, was ihnen im tiefsten Inneren eigentlich widerstrebt. Ihre selbst zugeschrieben Minderwertigkeit bindet sie und hält sie im sozialen System gefangen. Eigene Meinungen, eigene Bedürfnisse, eigene Gefühle landen auf dem Friedhof der Individualität – und manchmal auch dem der Humanität.

Individualistische Gesellschaften dagegen leben von genau dem, was kollektivistische Gesellschaften so radikal entsorgen: Die Individuen mit ihren einzigartigen psychischen Universen und Lebenssituationen sind das Herz und die Wirbelsäule der Gemeinschaft. Jeder Einzelne bringt sich dadurch ein, dass er sich für seine Interessen einsetzt und seinen Bedürfnissen folgt. Im Grunde genommen ist dieser Gedanke schon lange zentraler Bestandteil unserer westlichen Gesellschaftsvorstellungen. Nur die Bedeutung des Selbstwertes wurde übersehen.

Denn Individualismus ist keiner, wenn die Individuen zwar äußerlich frei scheinen, innerlich aber aneinander gekettet sind. Konstruktiver Individualismus, der trotz des Egoismus des Einzelnen ein soziales Miteinander ermöglicht, benötigt Individuen mit starkem und unabhängigem Selbstwert. Nur wenn der Einzelne sich (insbesondere sein inneres Kind) stetig wertschätzt und tief überzeugt ist, dass seine bloße Existenz ihm Wert verleiht, ist er zu individuellem und prosozialem Handeln fähig.

Ein stabiler, unabhängiger Selbstwert sorgt für inneren Frieden, Zufriedenheit und Genügsamkeit. Er sichert ab, dass das Individuum nicht um jeden Preis nach Anerkennung streben muss. Er schützt vor aggressivem Selbstvermarktungsstreben und verhindert alle sonstigen Nebenerscheinungen von Narzissmus. Er ermöglicht freies, selbstbestimmtes Denken und Handeln. Er ist die Basis für zivilen Ungehorsam und gesellschaftlichen Fortschritt.

Der Individualismus, den ich im Sinn habe, kann nur von Menschen mit unabhängigem Selbstwert getragen werden. Nicht von Menschen, die permanent daran zweifeln, ob sie richtig sind, und sich und anderen das immer wieder beweisen müssen. Sondern von Menschen mit dem unbeirrbaren Gefühl, in jeder Hinsicht und in jeder Lebenssituation wertvoll zu sein.

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